Heute kann man, wenn man mit dem HI-Virus infiziert ist, fast genauso alt werden wie jeder andere Mensch. Dies bewirkt die mittlerweile effektive Medizin. Eine Heilung ist immer noch nicht möglich, aber man kann die Vermehrung des HI-Virus im Körper verhindern, wodurch Menschen mit HIV auch ein höheres Alter erreichen können. Dieser Fortschritt hat auch zu einer Verlagerung unserer Arbeit geführt. Die Probleme der Betroffenen sind nicht mehr nur von der HI-Infektion gekennzeichnet. Körperpflege, Hausarbeit, Einkaufen, alles kann beschwerlicher werden, wenn man älter wird. Vieles geht langsamer, weil man vielleicht nicht mehr so beweglich und dynamisch ist. Hier leisten wir Hilfestellung. Krankenpflege / Gesundheitspflege ( neue Bezeichnung ) bedeutet Begleitung des Menschen im Alltag und wenn möglich in seiner gewohnten Umgebung.

So besuche ich regelmäßig Fr. B.:
Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in Frankfurt. Ihre Geschichte ist abenteuerlich und vieles von dem, was sie mir erzählt, möchte ich nicht erleben. Wenn ich ihr zuhöre, denke ich an die Geschichte vom `verlorenen Sohn`. Bei ihr gibt es viele seelische Verletzungen aus der Kind- und Jugendzeit, dann der Griff zur Droge und die Infektion mit dem HI-Virus. Nun ist sie älter, leidet unter den Folgen ihres Lebenswandels, bekommt schlecht Luft weil sie jahrelang geraucht hat, hustet, benötigt Sauerstoff rund um die Uhr über ein Sauerstoffgerät und ist abgemagert und schwach. Sie kann ihren Haushalt kaum noch alleine führen, doch das größte Problem ist die Einsamkeit. So bin ich nicht nur ihr Haushaltshelfer und Krankenpfleger, sondern auch ihr Gesprächspartner. Sie wünscht sich einen Freund, einen Menschen, der sie vorbehaltlos annimmt und äußert dies auch versteckt in den Worten und Gesten.

Sie will oft nicht, dass ich nach meiner Arbeit gehe. Die Erfahrung, dass Menschen sich von ihr abgewendet haben, macht ihr zu schaffen und ich verstehe das und bleibe noch etwas. Ich kann mir für sie mehr Zeit nehmen, weil Freunde des CAH ihr und mir diese (nicht abrechenbare) Zeit durch Spenden ermöglichen. Wenn ein Mensch sich nicht abwendet, wenn ein anderer ihn darum bittet, dann wird auch etwas von der Liebe Jesu sichtbar. Ich habe sie noch nie auf ihren Glauben angesprochen aber sie weiß, dass ich Christ bin. In ihrem Regal steht eine Bibel. Ich weiß nicht, ob sie darin gelesen hat, aber vielleicht geschieht dies noch. Ich glaube, dass Jesus noch viel bewirken kann.

Einfach ist es nicht und ich brauche viel Geduld. Alles hat seinen Platz und wenn ich ihr bei der Hausarbeit helfe, dann muss hinterher alles wieder genau dort liegen wo es am Anfang war. Nichts darf anders sein. Manchmal erscheint es mir übertrieben aber ich glaube, dass es für manchen älteren Menschen wichtig ist, alles geordnet zu haben. Wie schnell hat man etwas verlegt und gerät in Panik, weil man es nicht gleich findet. Die Angst, etwas übersehen oder vergessen zu haben, ist bei Frau B. ständig präsent, da das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt ist. Ihre Einkäufe fallen auch eher üppiger aus, einfach aus der Angst heraus, dass sie es vielleicht das nächste Mal kräftemäßig nicht schafft selbst mit einkaufen zu fahren und sie dann mit dem auskommen muss, was eben noch da ist. Aus unserer Sicht betrachtet, hat sie mehr als genug. Es ist für sie auch ein großes Problem, Verantwortung abgeben zu können. Auf andere angewiesen zu sein, ist besonders schwierig für sie, und alleine das Herausfinden, welchem Menschen man denn vertrauen kann, ist eine Herausforderung für Fr. B. Allein alt zu werden, ist ein großes Problem, aber sie möchte so lange wie möglich in ihrer eigenen Wohnung bleiben.

Als Pflegedienst können wir Hilfestellung geben und dazu einen kurzen Moment Normalität schenken. Wir beten auch für solche einsamen Menschen wie sie. Manchmal wünschten wir uns, dass sich jemand wie Fr. B. schon rechtzeitig daran gewöhnt, Verantwortung abzugeben, und dass sie gnädiger mit uns ist, denn auch wir müssen ihre Vorlieben und Eigenarten ja erstmal kennenlernen.  Die Pflege wäre manchmal einfacher für uns, wenn Menschen sich vorher überlegen und aufschreiben würden, was ihnen bei Versorgung später einmal besonders wichtig ist. Professionelle Pflege richtet sich nach den Bedürfnissen des Klienten. In dem Augenblick, in dem man sich selbst nicht mehr äußern kann, ist wichtig zu wissen was ein Mensch gerne hatte, z.B. welche Düfte, welche Vorlieben oder auch welche Abneigungen jemand hatte.