Wie kann  es sein, dass ein professionell geführter Pflegedienst um Spenden bittet?

Diese Frage tauchte in den letzten Wochen häufiger auf. Wenn davon ausgegangen wird, dass der Pflegedienst sparsam und effizient wirtschaftet, also nur die für eine bestimmte Qualität nötigen Ausgaben, für Personal, Betriebsmittel, Mieten etc. tätigt (natürlich können immer die Gehälter gekürzt werden oder noch billigeres Material genutzt werden), ist das Problem die Einnahmeseite.

Zunächst muss gefragt werden, worin das spezifische Angebot des Pflegedienstes auf dem für sich genommen schon recht speziellen Pflegemarkt besteht:

Der CAH kümmert sich in erster Linie um mit HIV infizierte und an Aids erkrankte Menschen, aber der Fokus ist im Grunde weitergefasst auf kranke bzw. pflegebedürftige Menschen am Rande der Gesellschaft. Menschen, die also über wenige bis keine finanziellen Ressourcen verfügen. Natürlich deckt der Staat über die Sozialgesetzgebung, SGB V (Sozialleistungen) und SGB XI (Pflegeversicherung), einen Teil der entstehenden Kosten ab. Aber die Pflegeversicherung ist nur eine Teilkaskoversicherung und das Sozialamt zahlt auch nur das nötigste bzw. billigste. Das führt in der Pflege zu der Frage, ob und wie viel Zeit für einen Patienten jeweils aufgewendet werden kann bzw. darf. Der Staat und die Versicherungen legen fest, wie viel sie für unbedingt nötig halten. Der marktwirtschaftliche Spielraum (wie viel der einzelne Pflegedienst über das Teilkasko hinaus noch verlangen kann bzw. muss, um überleben zu können) ist gering. Aus Sicht der meisten Praktiker eher zu gering, jedenfalls sind die meisten Pflegedienste immer kurz davor, aufzugeben. Hieran wird sich wohl auch mit einem veränderten Pflegebegriff nicht viel ändern, es sei denn, der Beitrag zur Pflegeversicherung wird ähnlich hoch wie der zur Rente; besonders wenn in Betracht gezogen wird, dass auf Grund des Fachkräftemangels die Löhne kräftig steigen müssten. (Auf einem rein privatwirtschaftlich organisierten Markt würde ja entweder das passieren oder der Markt würde eben nicht dem Bedarf entsprechend wachsen.)

Für andere Pflegedienste geht der Trend auf der einen Seite zu immer größeren Einheiten und zu immer mehr privatwirtschaftlichen Angeboten (also Leistungen, die von vorneherein nicht von der Pflegeversicherung und damit auch nicht vom Sozialamt übernommen werden, einem Luxusangebot sozusagen), auf der anderen Seite zu einem in Kauf nehmen minderer Qualität (Tempo vor Qualität, schlecht ausgebildete und damit billigere Arbeitskräfte) – aber diesen Weg kann der CAH wohl kaum gehen, ohne völlig sein Gesicht zu verändern.

Der CAH setzt nun also da an, wo die staatliche Hilfe wieder aufhört, setzt seine Zeit und Energie da ein, wo niemand mehr hilft. Da ist es Teil des Konzepts, auf Spenden angewiesen zu sein. Die Betroffenen können nicht, der Staat (dessen Bürger) will nicht, bleibt nur die Gemeinde.

Ob es sich hier um ein Familien- oder Staatsversagen handelt, wird anderen zu beurteilen überlassen. Allerdings soll angemerkt werden, dass dieser Sachverhalt durchaus in die ursprüngliche Theorie der Sozialen Marktwirtschaft passte. Nach deren Subsidiaritätsprinzip wäre zunächst jeder für sich verantwortlich, dann kämen Familie und unmittelbare Nachbarschaft, dann die nächst höheren Einheiten, z.B. die Gemeinde, andere öffentlich-rechtliche Institutionen, dann erst der Staat. Und dieses Prinzip kommt ja bekanntlich aus der (katholischen) Soziallehre.