Vor der vereinbarten Uhrzeit lugen die ersten Gäste aus dem Bahnhofsviertel neugierig zur Tür herein, um sich dann den besten Tisch in der Ecke zu schnappen, an dem man mit seinen Kumpels so schön für sich ist, aber noch genug vom Geschehen mitbekommt.

Herzliche Begrüßung auch von den nächsten Besuchern: „..Ich hab da noch zwei mitgebracht…, geht doch?“  Klar! Eigentlich hatten wir in der Einladungskarte um Anmeldung gebeten, damit unsere Köche von der Nord-Ost-Gemeinde auch wissen, wieviel Leckeres sie für unser familiäres Fest kochen sollen. Und später müssen auf alle Fälle die Weihnachtsgeschenke reichen. Wir haben immer versucht, Spezialwünsche zu erfüllen – von der Telefonkarte über Hausschuhe in Plüschtierform bis hin zur Tabakspfeife. Natürlich gibt es auch einen Vorrat an warmen Handschuhen und Toilettenartikeln.

Einige unserer langjährigen Bekannten bringen uns auch mal etwas mit. Siggi* kam letztes Jahr mit einer Weihnachtskarte: „Mach ma` auf!“  Erstaunen, es stand nichts drin. Er ganz kindlich: „Aber die kliingelttt!!“ Tatsächlich piepste sie beim Öffnen `Jingle bells`. Auch noch was reinzuschreiben ist eben nicht jedermanns Sache.

Erst wird ordentlich Kaffee getrunken, Gebäck von den Plätzchentellern genascht –  die Zimtsterne  sind schnell weg. Manchmal muss Jürgen* daran erinnert werden, nicht schon jetzt „Reste“ einzupacken, weil es noch keine gibt! Er kommt meist bepackt mit Tüten und Taschen voller gesammelter Fundstücke. Ein Mann, der weiß, wie viele Lichtjahre welche Sterne von welchen Sonnensystemen entfernt sind und was Nostradamus so alles vorausgesehen haben will. Der kleine Weltatlas von ihm mit Erklärungen zu Bevölkerungsgruppen, durchschnittlichem pro Kopf-Einkommen wird in Ehren gehalten, auch wenn die Art seiner Beschaffung im Dunkeln bleibt.

Wir freuen uns darüber, dass Elvira* mit ihrer schwarzen Kleidung und dem strengen Gesicht, aber mit viel Mitgefühl für andere wieder dabei ist. Sie kommt jedes Mal zur Weihnachtsfeier, auch wenn sie sich zwischendurch nicht oft meldet. Ihrem Partner geht es gesundheitlich nicht gut, sie macht sich Sorgen. An jedem Tisch sollen wir sitzen, es gibt viel zu erzählen. Unser früherer Gast Paul* wird von einigen vermisst. Bestürzung, als sie erfahren, dass er im vergangenen Jahr gestorben ist.

Der sehr gepflegt wirkende Carl* lächelt fast immer. Er passt eigentlich nicht so in diese Runde, findet aber schnell Zuhörer, wenn er von seinen früheren  Reisen erzählt. Heute ist er durch das HI-Virus geschwächt und lebt von Hatz IV. Carl mag es hier, weil er nicht ständig über AIDS nachdenken muss.

Wir machen ein paar Spiele: „Welche Weihnachtssitte gibt es in welchem Land?“ usw.

Danach kommt ein kurzer `Weihnachts-Input`. Unsere Gäste wissen, dass Jesus als Baby bei seiner Geburt nur eine Krippe in einem stinkenden Stall hatte, und dass dieses Ereignis heute noch so wichtig ist, dass die gesamte Zeitrechnung danach benannt wurde. Sie erfahren, dass er ein bleibendes Geschenk ist, das lebensverändernd wirkt, wenn man es haben möchte.

Ein paar Lieder werden geschmettert. Dann das Essen. Thomas, der ehrenamtliche Koch, hat gleich zwei Gerichte zubereitet: Klöße und Braten werden zuerst von der Gruppe angesteuert, danach Gulasch mit Gemüse probiert. Auch einige unserer Klienten freuen sich riesig, wenn wir ihnen vom schönen Weihnachtsessen etwas nach Hause bringen. Sie fühlen sich durch ihre Krankheit schon zu schwach, um herzukommen.

Thomas hat schon vorher Joghurteimerchen mit Deckeln gesammelt, die später gefüllt mitgegeben werden. Manchmal holen  unsere Gäste auch verschämt ihre eigenen Dosen aus der Tasche.

Zum Schluss gibt es die Geschenke. Extra am Ende, denn danach löst sich die Gesellschaft in nullkommanix auf. Zwei Stunden „stillsitzen“ ist für manche eine Herausforderung.

Einige helfen noch beim Tische abräumen und freuen sich über ein paar Servietten und Tannengrün. Manche teilen in dieser ruhigeren Phase noch Persönlicheres mit. Die meisten verabschieden sich, manche bedanken sich: „Guten Rutsch!“ „Habt ihr wieder toll gemacht!“ „Tschüß bis im neuen Jahr…“

(* Name geändert)